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Unsere Geschichte - ein Rückblick aus dem Jahr 2005
Auch die Gründung der Alternativen Bibliothek Hellersdorf und ihres Fördervereins im Sommer 1990 war ein Wagnis. Die Gründer, überwiegend jüngere Frauen und Männer aus verschiedenen linken Parteien und Gruppen, begannen im letzten Jahr der DDR nicht nur alles zu sammeln, was sie an aktueller politischer Literatur erwerben konnten, sondern auch vieles von dem, was man damals im Altpapier fand. Während andere Bibliotheken, für die niemand mehr zuständig war, auf den Mülldeponien landeten, wurde hier eine neue gegründet und als Alternative Bibliothek Hellersdorf bezeichnet. Sie sollte sich vor allem auf den Gebieten der Sozialwissenschaften, der Politik und Zeitgeschichte dem neuen, pluralistischen Angebot öffnen und zugleich das bewahren, was von den Editionen der DDR-Verlage weiterhin Wert und Bestand haben würde. Sie sollte so etwas wie eine sozialwissenschaftliche Bibliothek für alle werden. Die kurze Zeit der UtopieDer Verein zur Förderung der alternativen Bibliothek Hellersdorf wurde am 18. September 1990 gegründet. Zur Vorsitzenden wurde die Bibliothekarin Elke Schröder gewählt. Es waren damals bereits zwei- bis dreitausend Bücher vorhanden. 1990/91 standen sie in zwei Büroräumen im Haus der Parteien, einem geräumigen Haus in der Hellersdorfer Kastanienalle, in dem vorher die SED-Kreisleitung Berlin-Hellersdorf geplant, regiert und gearbeitet hatte. Nun war sie fort, viele Räume standen monatelang leer, es war ideal für alle, die kein Geld hatten, aber etwas gründen wollten. Man besorgte sich die Schlüssel, stellte etwas ins Zimmer und war sicher, daß in den nächsten Monaten niemand kommen würde, um Miete zu kassieren. Das Jahr 1989/90 war die Zeit der Projekte und der Gründungen, »die kurze Zeit der Utopie«, wie Siegfried Prokop sie in einem seiner Bücher genannt hat. Ein Jahr später brachen dann schon wieder die ordentlichen und finanziell geregelten Zeiten an, es sprach sich herum, was der Quadratmeter kosten würde. Der Verein wartete nicht, bis sich der Verwalter sehen ließ, sondern zog vorher aus. Das war im Winter 1991/92. Die Bücherkartons wurden auf Mitglieder verteilt, die in ihren Kellern noch Platz dafür hatten. Nun wurde eine Bleibe gesucht, die für die Vereinskasse erschwinglich gewesen wäre. Die Mitgliederversammlung meinte, man könnte die Alternative Bibliothek und unsere ehrenamtliche Arbeit doch auch dem Bezirksamt anbieten, um uns irgendwie in das Netz der Öffentlichen Bibliotheken einzuordnen. Das wollte dort aber niemand, weder der damalige Bezirksstadtrat für Bildung und Kultur noch die Leiterinnen des Bibliotheksamtes und des Kulturamtes. Sie erklärten ihre Gründe im Büro des Bezirksstadtrates. Es war alles sehr ernst, die Mittel gering, und ausreichende Räume hatten sie selbst nicht. Autorenlesungen und -gesprächeWas macht ein Bibliotheksverein ohne Bibliothek? Er könnte Veranstaltungen anbieten, meinten einige Mitglieder. Das müßte doch gehen. Und wenn es gut ginge, würde man damit die Öffentlichkeit aufmerksam machen. Die Chancen für die Bibliothek könnten sich dadurch nur verbessern. Der Anfang wurde in der »Kiste« gemacht, einem Jugendklub am U-Bahnhof Hellersdorf. Zu der ersten Veranstaltung im November 1992 kam Professor Parviz Khalatbari. Er diskutierte über die Probleme der Bevölkerungsentwicklung und der weltweiten Migrationsbewegungen. »Eine neue Völkerwanderung?« stand auf dem Plakat. Unter den ersten Belletristik-Autoren, die uns besuchten, waren Otto Häuser (Ottokar Domma), Lothar Kusche, Gisela Karau und Hermann Kant. An den Montagabenden diskutierten wir nacheinander mit drei ehemaligen Diplomaten über Fragen der Weltpolitik, aber auch mit Karl Schirdewan und Wolfgang Harich über die kritischen Jahre 1953 und 1956/57 der nun abgeschlossenen DDR-Geschichte. Für Hellersdorfer Verhältnisse waren die Veranstaltungen gut besucht. Da wir die ersten waren, die hier so etwas regelmäßig machten, sprachen sich unsere Aktivitäten herum. Nach einem Jahr fragte uns Dr. Horst Noack, Vorsitzender des Vereins Klub 74, ob wir nicht auch zu ihm nach Kaulsdorf Nord kommen könnten. Wir probierten dort einiges aus. Im April 1994 begannen beide Vereine die bis heute bestehende Veranstaltungsreihe Erzählcafé. Im Nachbarschafthaus KastanienalleeAber einen Platz für die Bibliothek hatten wir immer noch nicht. Der wurde uns Ende 1994 von der damaligen Leiterin des Nachbarschaftshauses Kastanienallee angeboten. Sie meinte, unsere kleine Bibliothek würde gut in ihr großes Haus passen. Im Januar 1995 konnten wir dort etwa dreitausend Bände erstmalig der Öffentlichkeit zugänglich machen. Für dieses ehrenamtlich betriebene Projekt hatten wir damals nur einen geringen Betriebskostenanteil zu entrichten, ein Zehntel der Summe, die uns drei Jahre später abverlangt wurde.
Gebrauchte Bibliotheksmöbel, für die wir gar nichts bezahlt hatten, reichten für unsere Zwecke völlig aus. Bertolt Brechts Vorschlag, zu lernen, aus Altem Neues zu machen, ließ sich in der Wegwerfgesellschaft ganz gut verwirklichen. Ehrenamtlich tätige Bibliothekarinnen kümmerten sich um die Sichtung und Ordnung des allmählich auf vier- bis fünftausend Einheiten angewachsenen Bestandes und begannen mit der rechnergestützten Katalogisierung. Das monatliche Angebot unserer drei Veranstaltungsreihen war inzwischen gut aufgenommen worden. Als Günter Gaus sich 1996 im überfüllten Kinosaal der Hellersdorfer »Kiste« von Hellmuth Henneberg und vom Publikum »Zur Person« befragen ließ, wurde auch die überregionale Presse aufmerksam. Und nach jedem Pressebeitrag über die Alternative Bibliothek wurden ihr einige hundert, manchmal sogar über tausend Bücher angeboten. Nach einem Artikel im »Tagesspiegel« erhielt die Bibliothek Angebote politischer Literatur - insbesondere zur 68er Studentenbewegung - aus Schöneberg, Wilmersdorf und Zehlendorf. Wir freuten uns über diesen Zuwachs und fragten zugleich besorgt, wer das alles sichten, einarbeiten oder an andere Interessenten weitergeben sollte. Nach und nach kamen mehr Leser in die Bibliothek, die ihr auch später treu blieben, als wir umgezogen waren. Im Juni 1999 verließen wir das Nachbarschaftshaus, weil es uns auf die Dauer nicht möglich war, monatlich einen Betriebskostenanteil von 10 DM pro m² zu zahlen. Melanchthonstraße in Mahlsdorf NordIn dieser Situation half uns die Agrarbörse Deutschland Ost e.V. Der Verein unterhält in mehreren Berliner Bezirken Projekte des Umwelt- und Landschaftsschutzes sowie der Umweltberatung und -erziehung. Zu seinen Hellersdorfer Projekten gehörte das Literatur- und Beratungszentrum »Natur und Umwelt«, das in der Melanchthonstr. 63 einen Bibliotheksbestand von 8 000 Bänden verwaltete. Schwerpunkte dieser Sammlung waren: Landwirtschaft, Gartenbau, Tierhaltung, Ökologie und Naturschutz.
Die Agrarbörse Deutschland Ost ermöglichte der Alternativen Bibliothek die Mitnutzung des von ihr gemieteten Hauses im Siedlungsgebiet Mahlsdorf Nord, bis sie eineinhalb Jahre später diesen Standort aus finanziellen Gründen aufgeben mußte. Von September 1999 bis Dezember 2000 hatten dort zwei öffentliche Spezialbibliotheken unter einem Dach gearbeitet. Peter-Weiss-Bibliothek, Hellersdorfer Promenade 24Im Frühjahr 2001 zog die Alternative Bibliothek an ihren jetzigen Standort in 12627 Berlin, Tangermünder Str. 90. Wir sind seitdem nicht mehr umgezogen, haben aber trotzdem eine neue Adresse: Hellersdorfer Promenade 24. (Teile der Tangermünder und der Stendaler Straße wurden 2004 zur Hellersdorfer Promenade erklärt und erhielten neue Hausnummern.) Die Bibliothek war nun gut erreichbar und hatte zumindest soviel Platz, daß 8 000 Bände, der größere Teil ihres Bestandes, in Freihandregalen aufgestellt werden konnten. Nun wollten wir uns um den Namen Peter Weiss bewerben. Die ersten Lesungen und Gespräche über Peter Weiss hatten wir bereits 1995/96 veranstaltet. Einige Vereinsmitglieder beschäftigten sich damals und in den Folgejahren mit seiner »Ästhetik des Widerstands«. Dieser Roman steht uns sehr nahe. Er gehört zu den wenigen literarischen Werken, die verborgene soziale und kulturelle Entwicklungslinien des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Sicht der siebziger Jahre konsequent aufdecken, ohne den Anspruch zu erheben, nun die endgültige, absolute Wahrheit gefunden zu haben. Fast ein Jahrzehnt hatte Peter Weiss an diesem Werk gearbeitet. Sein Text räumt mit vielen Schablonen, Lügen und Klischees auf, die in Ost oder West jeder erst einmal überwinden muß, der zu den Fakten vordringen will. Die Erinnerungen und Gedanken des Erzählers ermöglichen es, einen langwierigen, bitteren Erkenntnisprozeß nachzuvollziehen, in dessen Verlauf Tatsachen nicht mehr als bloße Meinungen hingestellt und unbewiesene Meinungen nicht als Tatsachen akzeptiert werden. Ein solches Buch konnte seinen Leserinnen und Lesern helfen, das Jahr 1989/90 besser zu verstehen. Peter Weiss, der die Krise des Sozialismus sehr früh vorausgesehen hatte, hielt auch in Zeiten seiner Niederlagen und Fehlentwicklungen daran fest, daß es Alternativen zum Kapitalismus geben müsse. Im Sommer 2001 schrieb uns Frau Gunilla Palmstierna-Weiss aus Stockholm. Sie begrüßte und genehmigte unser Vorhaben, der Bibliothek den Namen »Peter-Weiss-Bibliothek« zu geben. Am 10. Mai 2002 erhielt die Alternative Bibliothek Hellersdorf in Anwesenheit von Frau Prof. Gunilla Palmstierna-Weiss den Namen »Peter-Weiss-Bibliothek«. Eine Veranstaltung im Kinosaal des Klubs Kiste erinnerte an den Tag des Freien Buches und würdigte Leben und Werk des engagierten Schriftstellers und Künstlers Peter Weiss anläßlich seines 20. Todestages. Nach den Grußworten des Bezirksbürgermeisters Dr. Uwe Klett und der Vorsitzenden des Födervereins Gisela Peter sprachen Prof. Gunilla Palmstierna-Weiss (Stockholm), der Vorsitzende der Internationalen Peter Weiss Gesellschaft Dr. Arnd Beise (Marburg) und Prof. Dr. Norbert Krenzlin (Berlin). Viele Teilnehmer trafen sich anschließend in der Peter-Weiss-Bibliothek mit Leserinnen und Lesern, Vereinsmitgliedern und ehrenamtlichen Helfern.
Fünfzehn Jahre nach der GründungSeit der Gründung des Vereins und der Bibliothek sind fünfzehn Jahre vergangen. Unter den heute 32 Vereinsmitgliedern waren neun von Anfang an dabei. 14 Mitglieder arbeiten kontinuierlich mit: am PC in der Bibliothek, bei der Benutzerberatung und der Vorbereitung von Veranstaltungen, bei der Lösung technischer Aufgaben sowie in der Öffentlichkeitsarbeit. Darunter sind sechs BibliothekarInnen mit Universitäts- bzw. Fachhochschulausbildung sowie fünf WissenschaftlerInnen der Fachgebiete Geschichte, Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte, Pädagogik und Philosophie. Zusammen leisten sie jährlich mehr als 3 000 Stunden freiwilliger, unbezahlter ehrenamtlicher Arbeit.
Die Bibliothek verfügt heute (2005) über 16 000 Bücher, Zeitschriften und andere Medien. Seit 1992 haben 320 Veranstaltungen und 35 Ausstellungen mit mehr als 12 000 Besuchern stattgefunden. Das wichtigste Ziel unserer Öffentlichkeitsarbeit besteht heute darin, Menschen zu erreichen, denen die Peter-Weiss-Bibliothek geben kann, was sie brauchen und wünschen: Stöbern in Büchern, die es nicht überall gibt, Literatur, die sie schon immer gesucht haben, Begegnungen und Gespräche mit Autoren und Lesern. Wer braucht die Peter-Weiss-Bibliothek?
Das alles setzt Vernetzung mit anderen Vereinen voraus. Vielleicht gestalten die Aktivitäten vieler Vereine nach und nach etwas, was jede Demokratie zum Leben braucht, einen öffentlichen Raum, in dem auch jene zu Wort kommen, die nicht mit dem Strom schwimmen. SelbsthilfeDie Angebote, mit denen sich die Peter-Weiss-Bibliothek an solchen Aktivitäten beteiligt, sind als Selbsthilfe entstanden, weil Mitglieder des Vereins Bedarf daran hatten. Sie wußten, wie langwierig die Suche nach bestimmten Titeln sein konnte, wenn man sie nicht kaufen, sondern nur ausleihen wollte. Es war von Anfang an das, was Professor Vilmar soziale Selbsthilfe nennt. Für ihn sind wir eine jener sozialen Selbsthilfegruppen, die heute in allen Bereichen der Gesellschaft tätig werden und das, womit sie sich geholfen haben, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, um anderen ebenfalls zu helfen - im Unterschied zu privaten Selbsthilfegruppen, die nur für ihre Mitglieder arbeiten. Professor Vilmar hat nachgewiesen, daß in Deutschland weitaus mehr Menschen in sozialen Selbsthilfegruppen aktiv sind als in politischen Parteien, daß aber der tatsächliche Umfang ihrer Tätigkeit von den Medien auch nicht annähernd sichtbar gemacht wird. Die Frauen und Männer des Hellersdorfer Bibliotheksvereins freuen sich jedenfalls, wenn ihre Dienstleistungen gebraucht und angenommen werden. Es fiele ihnen aber nicht ein, Bibliotheksbenutzer und Veranstaltungbesucher lediglich als Kunden zu betrachten. Die Peter-Weiss-Bibliothek lebt von Leserinnen und Lesern, denen es ein Bedürfnis ist, Bücher und Zeitschriften aus eigenem Besitz auch anderen zur Verfügung zu stellen, Veranstaltungen nicht nur zu besuchen, sondern sie auch als Referent, Moderator oder Gesprächsteilnehmer mitzugestalten, in der Presse darüber zu informieren, Leser zu werben oder auf andere Weise zu helfen. Und solange das so ist, wird die Bibliothek wachsen und weitere Leser anziehen. Das läßt uns hoffen, daß sie kommunale Haushaltssperren, sinkende Fördermittel und steigende Betriebskosten auch künftig überleben wird. Was ist die Peter-Weiss-Bibliothek?Und was ist sie nicht? Sie ist die Bibliothek eines Vereins, aber sie ist keine Vereinsbibliothek. Sie ist eine öffentliche Spezialbibliothek, aber sie wurde nicht als Bibliothek für Spezialisten eingerichtet - wenn ihr auch jeder Spezialist natürlich willkommen ist. Sie sammelt planmäßig, aber sie hat bisher keinen nennenswerten Erwerbungsetat. Der Bibliotheksbestand wird von Mitgliedern des Vereins professionell bearbeitet, aber sie erhalten für ihre Arbeit kein Entgelt, sie verrichten sie im Ehrenamt. Sie lieben ihren Beruf, arbeiten gern und finden es gut, gemeinsam mit Anderen etwas Neues auf die Beine zu stellen und sich darum zu kümmern, daß es läuft. Sie freuen sich über alle, die dabei helfen wollen. Sie arbeiten mit kommunalen Bildungseinrichtungen zusammen und unterhalten Arbeitskontakte zu Verlagen, Vereinen, und parteinahen Stiftungen, weil sie Literatur aller Richtungen und Strömungen für eine Bibliothek sammeln, die parteipolitisch unabhängig ist. Sie müssen noch mehrere tausend Titel am PC eingeben. Sie haben viel zu tun, aber immer noch Zeit für Gespräche über die Regierungsgeschäfte, über einen klugen Artikel im »Freitag« oder bei »Ossietzky«, über neue Veröffentlichungen von Daniela Dahn oder Erik Hobsbawm. Es macht ihnen Spaß, wenn ein Buch in dem noch kleinen Leserkreis von Hand zu Hand geht, zum Beispiel »Zwielicht« von Werner Mittenzwei oder »Widersprüche« von Günter Gaus. Eine Bibliothek ist nie fertig und diese schon gar nicht. Wer sie in Anspruch nimmt, wird auch künftig mit Improvisationen rechnen müssen. September 2005 |
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